Zum Volk der Aymara, der Ureinwohner der Hochebene Boliviens, zählen gut zwei Millionen Menschen. Es gibt noch viele Dörfer, in denen nur Aymara leben, wie den Ort Compi am Titicacasee. Die Aymara haben eine ganz eigene Logik – sie blicken nie zurück, sondern immer nach vorn. Fast alle anderen Menschen glauben daran, dass sie aus der Vergangenheit stammen und in die Zukunft schreiten. Für die Aymara in Bolivien ist es genau andersherum: Die Zukunft liegt für sie hinter ihrem Rücken.
Die Aymara Boliviens können die Zukunft nicht sehen, sie kennen sie nicht. Für sie ist nur die Vergangenheit sichtbar, die sie verstehen. Sie ist sicher gewesen, bekannt und bewiesen. Jeder kann sie sehen, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Einer der Weisen der Aymara, ein Yatichiri, arbeitet in La Paz im Justizministerium als Abteilungsleiter für indianische Rechtsfragen. Er heißt Jorge Miranda und redet auch gerne von der Vergangenheit: „Sie ist der Schatz der Menschheit. Alles, was wir sicher wissen, liegt in der Vergangenheit.“
Miranda erklärt weiter: „Bei jeder Entscheidung, die wir treffen, wenden wir unser Wissen aus der Vergangenheit an. Gegenwart ist ständige Veränderung mit dem Blick auf die Vergangenheit. Und die Gegenwart wird, kaum dass sie gelebt ist, in diesem Prozess selbst zur Vergangenheit.“ In diesem Denken hat die Zukunft keine Chance. Miranda sagt über sie: „Niemand hat sie je gesehen. Die Zukunft erübrigt sich.“
Zu jeder Aussage die ein Ureinwohner Boliviens macht, nennt er die Quelle. Er erzählt, ob er eine Begebenheit selbst erlebt oder von ihr erzählt bekommen habe. Sehr wichtig ist die Vertrauenswürdigkeit der Quelle. Je nachdem wie die jeweilige Quelle eingeschätzt wird, ist eine Aussage mehr oder weniger wahr. Falsch und richtig sind allerdings nur zwei von unendlichen vielen Möglichkeiten der Wahrheit. Es gibt Aymara, die nicht glauben, dass es Autos gibt, bevor sie eines gesehen haben.