Die Inkas nannten den in allen Rottönen leuchtenden Berg über der Stadt Potosí „Sumaj Orcko“, den schönen Hügel. Die Spanier, die 1545 nach Bolivien kamen, tauften ihn „Cerro Rico“, den reichen Berg, denn im Inneren des Fünftausenders war reines Silber verborgen. Durch den Silberabbau wurde Potosí damals zur reichsten Stadt auf der Erde. 1573 lebten dort rund 120.000 Menschen, mehr als in Rom, Paris oder Madrid.
Rund 250 Jahre später war die Einwohnerzahl auf 8.000 geschrumpft. Heute leben wieder wie in den Glanzzeiten von Potosí etwa 120.000 Einwohner in der Stadt des Silbers, von dessen Zentrum Touristen begeistert sind. Besonders beeindruckend sind die Kolonialgebäude und die Kirchen, in deren Marmorsäulen und steinerne Pfeiler bolivianische Bildhauer ihre Götter verewigt haben. Dazu zählen Heilige und Engel, aber auch die Sonne, der Mond und die Sterne.
Wer in den engen und steilen Gassen der bolivianischen Stadt spazieren geht, kann den Reichtum erahnen, der einst in der Weltstadt im Andenhochland von Bolivien herrschte. Es gab ein Theater, eine Arena, in der Stierkämpfe stattfanden sowie ein Fest der Maskentänze, das sechs Nächte dauerte. Heute wie damals dreht sich alles um den Cerro Rico, der seit gut 500 Jahren das Leben von Potosí beherrscht. Wer einen der etwa 5.000 Bergwerksstollen besichtigen möchte, den führen ehemalige Minenarbeiter oder Studenten durch die Schächte des Berges.
Der Bus bringt die Touristen zum mercado de los mineros. Es ist Sitte, den bolivianischen Bergarbeitern Geschenke mitzubringen wie Kokablätter, 96-prozentigen Alkohol, Zigaretten oder Dynamitstangen samt Zünder, die zwei Euro das Stück kosten. Die Besucher brauchen gute Nerven, denn die meisten Gänge sind nicht gesichert und haben keine Lüftung. Heute arbeiten noch gut 15.000 mineros in den Minen, die sich entweder zu Kooperativen zusammengeschlossen haben oder auf eigene Faust Bodenschätze suchen.
Die Bergleute verdienen im Schnitt 150 Euro im Monat. Abgebaut werden Silber, Blei, Zink, Zinn und Wismut. Die Arbeiter entreißen dem Berg solange das Erz wie die Kokablätter reichen – nach etwa zehn Stunden ist Feierabend. Der Berg ernährt zwar die Männer, die in sein Inneres eindringen, fordert aber auch seinen Tribut. Die Lebenserwartung der Bergleute in Bolivien liegt bei 50 Jahren.