Die gewaltige Schneekuppe des Illimani, des zweithöchsten Berges Boliviens, wird jedes Jahr ein Stück kleiner. Noch thront der 6.439 Meter hohe Berg majestätisch über der Stadt La Paz. Einst gab es an seinen Ausläufern das höchstgelegene Skigebiet der Welt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, seitdem die Gletscher praktisch verschwunden sind. Für die Millionenstadt La Paz könnte sich diese Tatsache zu einer existentiellen Bedrohung entwickeln, denn die Gletscher speisen das Trinkwasser, das langsam knapp wird. Schuld daran ist der nicht mehr zu übersehende Klimawandel.
In den Andenländern Ecuador, Peru und Bolivien leben rund 70 Millionen Menschen vom Trinkwasser aus den schmelzenden Gletschern. Die Interamerikanische Entwicklungsbank hat herausgefunden, dass die Gletscher dieser Region in nur drei Jahrzehnten durch die Erderwärmung um 30 Prozent geschrumpft sind. Der Präsident der Bank Luis Alberto Moreno sagt: „Jedes Jahr gehen sie um ein Prozent zurück.“ In Perus Kordilleren gab es laut Behördenquellen noch 723 Quadratkilometer Gletscherfläche, im Jahr 2003 waren es schon 200 Quadratkilometer weniger.
Die Regierung von Bolivien fordert deshalb, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, die reichen Länder auf, ihre Emissionen an Treibhausgas schnellstens um die Hälfte zu reduzieren. Bisher ist allerdings der weitestgehende Vorschlag der EU, der 20 Prozent Reduzierung bis zum Jahr 2020 vorsieht. Imke Oetting von der bolivianischen Stiftung für Naturentwicklung in Schutzgebieten (Fundesnap) warnt vor extremen Ereignissen: „Mehr Trockenheit, aber auch mehr Überschwemmungen im Tiefland, worunter vor allem die Landbevölkerung leidet. Das zieht große Wanderungen nach sich.“
Lateinamerika trägt mit nur 13 Prozent zum weltweiten Aufkommen an Treibhausgasen bei, ist aber einer der Hauptleidtragenden des Klimawandels. Allein um seine Wasserversorgung sicherzustellen bräuchte Bolivien, das ärmste Land Südamerikas, nach Angaben der Regierung etwa eine Milliarde Dollar. Bei der Abwägung zwischen Naturschutz und wirtschaftlichem Aufschwung, bleibt die Natur in Lateinamerika immer öfter auf der Strecke. Allerdings haben sich Länder wie Ecuador oder Brasilien dazu bereit erklärt, auf die Ausbeutung von Bodenschätzen zu verzichten, wenn der Westen dafür einen Ausgleich zahlt.