Fernando Santullo war im Jahr 2001 der bedeutendste Rockmusiker und Rapper in Uruguay und hatte nebenbei noch einen Job als Kulturredakteur bei der größten Zeitung Montevideos. Aber das alles hat in dem kleinen lateinamerikanischen Land wenig Bedeutung. Fernando Santullo sagt über seine Heimat: „Uruguay ist das Ende der Welt.“ Als die Weltwirtschaftskrise das Land in den Abgrund riss, entschloss sich der Künstler, wie so viele seiner Landsleute, nach Spanien auszuwandern.
Acht Jahre später geht es dem Rapper schlecht. Seine Band hat sich aufgelöst, seine Familie existiert nicht mehr, mit seiner Gesundheit steht es auch nicht zum Besten. Ein Afroamerikaner in seiner Lage hätte wahrscheinlich damit begonnen, Blues zu spielen. Fernando Santullo aus Uruguay entdeckte für sich den Tango. Denn der Tango geht dann am Besten, wenn sonst gar nichts mehr geht. Die Musik ist weinerlich, aber hat dennoch einen therapeutischen Nutzen.
Und der Tango funktioniert überall, selbst in einem kargen Zimmer in Barcelona, wo der Rapper aus Uruguay zum Tanguero mutierte. Am Computer entwickelte Fernando Santullo ein Album, das so gut klang, dass Juan Campodónico und Gustavo Santaolalla es jetzt produziert haben. Letztgenannter ist unter anderem der Produzent des kolumbianischen Weltstars Juanes. Auf seiner CD vermischt Fernando Santullo die traditionelle Musik seiner Heimat wie Milonga, Tango oder Folklore mit Hiphop und Elektropop. Fernando Santullo sagt: „Barcelona hat diese Mischung möglich gemacht. Ich bin ein Sudaka, und das ist die Summe meiner Erfahrungen hier.“
Sudaka ist ein Schimpfwort für Südamerikaner, das man in Barcelona oft hört. In seinen Texten blitzt die Intelligenz des früheren Kulturredakteurs hervor. Fernando Santullo zitiert nicht nur Jorge Luis Borges und Fernando Pessoa, sondern benutzt auch die alte Unterweltsprache, das Linfardo, die nur noch die Alten am Rio de la Plata verstehen. Die Platte ist auch eine Geschichte seiner Genesung wie der Rapper bestätigt: „Wie gut, das Skelett durchzuschütteln und zu merken, dass man am Arsch sein kann – und trotzdem eine Geschichte zu erzählen hat.