Die Vereinigten Staaten praktizieren in Haiti gerade die größte Hilfsaktion in ihrer Geschichte und werden trotzdem von Lateinamerikanischen Staaten dafür kritisiert. Aus Venezuela beklagt sich Hugo Chávez, dass es sich bei der Hilfe in Wirklichkeit um eine Invasion handle, mit der die USA ihr Einflussgebiet in der Karibik ausweiten möchten. Aus der Sicht der Kritiker und Haitis beheben die Amerikaner hier nur ein Problem, für das sie selbst verantwortlich sind.

Denn seitdem Haiti im Jahre 1804 als zweites Land auf dem Kontinent unabhängig wurde, haben die USA den Karibikstaat stets als Teils seiner Sphäre betrachtet und ihre Einflussnahme immer damit begründet, dass dort amerikanische Interessen geschützt werden müssten. Dies ist der Grund warum die Amerikaner in Haiti, Ecuador oder Mexiko stets mit Furcht betrachtet werden, selbst wenn sie Brunnen bauen, den Regenwald schützen oder sonstige Geschenke bringen.

Dem Argwohn liegt auch ein gegenseitiges kulturelles Unverständnis gegenüber. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist alles dem Prinzip des Handelns untergeordnet. In Lateinamerika dagegen, wo die Natur zügelloser herrscht, fügen sich die Menschen leichter in ihr Schicksal mit Fatalismus und Verdrängung. Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schrieb dazu: „Die Welt, die uns umgibt, führt ein Eigenleben, sie ist nicht, wie im Fall der USA, von Menschen gemacht. Wir pflegen unsere Wunden, wie sie ihre Erfindungen. Für sie ist Welt etwas, das man verbessern kann. Für uns etwas, das erlöst werden muss.“

Es ist sicher kein Zufall, dass sich Lateinamerika gerade dann am besten entwickelte, wenn sich die USA abwandten. Als Präsident Bush im Nahen Osten seine Kriege führte, konnte sich Lateinamerika emanzipieren. Es urteilte seine Diktatoren ab und stabilisierte seine Demokratien. Gescheitert ist dies bloß dort, wo die Einflussnahme der USA besonders stark gewesen ist. In Nicaragua, Honduras, Kuba und Haiti.