Jetzt ist es offiziell. Die Arbeiterpartei von Brasiliens Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva nominierte die 62 Jahre alte Dilma Rousseff für die Präsidentschaftswahl im Herbst, obwohl sie in der eigenen Partei wegen ihres fehlenden Charismas nicht nur Freunde hat. Doch Lula da Silva ließ sich nicht beirren: Dilminha, wie er seine Stabschefin im Präsidialamt liebevoll nennt, oder keine. „Ihr Wahlsieg ist die Aufgabe meines Lebens“, sagte der noch amtierende Präsident.
Diese Aussage ist schon erstaunlich. Denn bei allen Gemeinsamkeiten in politischen Fragen, könnten die Charaktere der beiden Politiker kaum unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite der Menschenfischer Lula da Silva, auf der anderen Seite die kühle Pragmatikerin, die vor ihrem ersten Wahlkampf steht. Bei ihrer Vorstellungsrede sprang der Funken auf die Parteimitglieder nicht über. Dilma Rousseff versprach, den Weg Brasiliens zur Supermacht weiterzugehen. Sie wolle dabei aber auf keinen Fall die Armen übergehen.
Dilma Rousseff betonte: „Der Motor der Entwicklung von Brasilien muss der Staat bleiben“. Der scheidende Präsident Lula da Silva vergleicht Brasilien oft mit einem Hochgeschwindigkeitszug, der selbst Tempo aufgenommen hat. Er ist davon überzeugt, dass nur eine kühl rechnende Politikerin, mit dem Durchhaltewillen einer Managerin, das hohe Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens aufrechterhalten kann.
Anders als ihr Förderer Lula da Silva stammt Dilma Rousseff nicht aus der Arbeiterklasse, sondern aus der Mittelschicht von Belo Horizonte. Sie wuchs in behüteten Verhältnissen auf. Doch als eine Militärjunta in Brasilien die Macht übernahm, ging sie als Guerillera in den Untergrund. 1970 wurde sie gefangen genommen und im Gefängnis gefoltert. Nach ihrer Entlassung studierte sie Ökonomie und trat nach der Demokratisierung Brasiliens in die Arbeiterpartei von Lula da Silva ein.
Den Vorwurf, Dilma Rousseff habe kein Charisma, kontert der Präsident von Brasilien gerne mit der Antwort, ihr wahrscheinlicher Konkurrent José Serra habe ja auch keinen. Trotzdem liegt der konservative Gouverneur von São Paulo in repräsentativen Umfragen bisher vor Dilma Rousseff. Lula da Silva ist allerdings weiterhin zuversichtlich und betont: „Ich bin sicher das Dilminha aufholt.“