Die Staatschefs Lateinamerikas wollen eine neue Einheit schmieden, doch manche von ihnen lieben den Streit zu sehr. Wie schwer es ist, aus Lateinamerika einen Staatenbund zu formen, musste schon Simon Bolívar leidvoll am eigenen Leib verspüren. Im Jahr 1829, kurz vor seinem Tod schrieb er voller Verzweiflung: „Wer Lateinamerika zu einen versucht, der pflügt im Meer.“

Am Anfang der vergangen Woche trafen sich 32 Führer lateinamerikanischer Länder in Mexiko, um eine neue Gemeinschaft zu gründen. Es sollte nichts Geringeres werden als ein Ebenbild der Europäischen Union, wie Mexikos Präsident Felipe Calderón sagte. Die Vereinigten Staaten und Kanada sollen dem Bündnis nicht angehören. Die Union soll den Ländern vorbehalten sein, in denen Sprachen lateinischen Ursprungs gesprochen werden.

Viele Staaten in Lateinamerika haben Vertrauen zu sich selbst gewonnen. Sie haben selbstbewusst ihre Demokratien gefestigt und frühere Diktatoren verurteilt. Eine Rückkehr in die Zeiten der Anarchie wird nicht geduldet, wie die einheitliche Ablehnung des Putsches in Honduras deutlich zeigte. Gemeinsam helfen die Staaten Lateinamerikas Haiti. Im Streit Argentiniens mit Großbritannien um die Ölvorkommen in der Nähe der Falkland-Inseln haben sich alle Staatschefs auf die Seite des südamerikanischen Landes gestellt.

Doch die Eintracht ist zerbrechlich. Gleich beim ersten gemeinsamen Essen in Cancún stritten Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe und Hugo Chávez heftig miteinander. Uribe sieht in dem Boykott Venezuelas gegen sein Land nichts anders als das Embargo der USA gegen Kuba. Chávez antwortete erzürnt: „Uribe kann sich zum Teufel scheren.“ Uribe konterte mit den Worten: „Stell´ dich der Debatte, wenn du ein Mann bist.“

Die neue Einheit der Länder Lateinamerikas hat ein Basisproblem. Uribe und seine konservativen Kollegen sehen in der neuen Gemeinschaft eine Kopfgeburt der linksregierten Länder. Sie hoffen, dass die Linksregierungen in Lateinamerika bald Geschichte sein werden. In Chile gewann ein Kandidat der Rechten die Präsidentschaftswahl. In Argentinien und Brasilien könnte Gleiches geschehen. Möglicherweise werden die kommenden Staatschefs wieder eine verstärkte Kooperation mit den Vereinigten Staaten von Amerika suchen.