Die ganze Welt umwirbt die aufstrebenden Länder in Lateinamerika, nur die Deutschen scheinen die Staaten wenig zu interessieren. Doch das soll sich nun ändern. In der vergangenen Woche reiste Außenminister Guido Westerwelle mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation durch Uruguay, Brasilien und Argentinien. Er will den Kontinent zu einem seiner außenpolitischen Schwerpunkte machen.
Inzwischen hat auch der deutsche Außenminister erkannt, dass Brasilien auf dem Weg zu einer Weltmacht ist. Ein deutscher Exdiplomat gibt zu, dass Deutschland vor allem Brasilien sträflich vernachlässigt habe. Roberto Abdenur, der von 1995 bis 2002 brasilianischer Botschafter in Deutschland war stimmt der Einschätzung seines deutschen Kollegen zu: „Deutschland hat die Beziehung zu China und Indien bevorzugt, in Brasilien ist sein Stellenwert gesunken.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel war erst ein einziges Mal in Lateinamerika. Jetzt ließ die deutsche Regierung wieder fünf Monate verstreichen, um einen neuen Botschafter für Brasilien zu ernennen. Vor vier Jahren lief das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Berlin und Brasília aus. Eine Nachfolgeregelung wurde noch immer nicht gefunden. Die wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands in Lateinamerika hat stark gelitten. Das bestätigt auch der brasilianische Industrieminister Miguel Jorge: „Deutschland ist sich erst vor kurzem der Bedeutung Brasiliens bewusst geworden.“
Zum sinkenden Einfluss Deutschlands auf dem lateinamerikanischen Kontinent hat auch eine gewisse Überheblichkeit beigetragen. Früher gaben die Deutschen den Lateinamerikanern gerne kluge Ratschläge wie gute Wirtschaftspolitik zu betreiben sei. Die Gegenwart zeigt, dass einige lateinamerikanische Staaten besser durch die Weltwirtschaftskrise gekommen sind wie Deutschland.
Als Karl-Theodor zu Guttenberg noch Wirtschaftsminister war, warnte er: „Wir dürfen Brasilien nicht unseren europäischen Nachbarn überlassen.“ Doch die Warnung könnte zu spät gekommen sein. Die Pazifikstaaten Chile und Peru verstärken ihre wirtschaftlichen Beziehungen im asiatischen Raum, Argentinien muss zuerst seine eigenen Probleme in den Griff bekommen und Mexiko konzentriert sich bei Kooperationen im Wirtschaftssektor auf die Vereinigten Staaten von Amerika.