Sieben Länder in Lateinamerika feiern in diesem Jahr 200 Jahre Unabhängigkeit. Bicentenario wird das Gedenkjahr genannt. In Mexiko weiht man deswegen eine „Raffinerie Bicentenario“ ein, Argentinien legt einen Bicentenario-Fonds auf, um seine Auslandsschulden abzuzahlen. In Kolumbien wurde dem Gedenkjahr zu Ehren sogar eine Hymne komponiert. In Venezuela heißt jetzt eine Supermarktkette sogar „Hipermercado Bicentenario“.
1810 erhoben sich in ganz Lateinamerika Aufständische, um sich die Unabhängigkeit von Spanien zu erkämpfen, das durch die Invasion Napoleons geschwächt war. Aber nicht allen Menschen in Lateinamerika ist zum Feinern zumute. In Mexiko sind beispielsweise 13 Millionen Indios sehr arm, haben kaum die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs und werden zudem von den Behörden und der Polizei diskriminiert. Obwohl viele Länder in Lateinamerika ihre Demokratien gefestigt haben, leben noch etwa Hundert Millionen Menschen auf dem Kontinent unter dem Existenzminimum.
Fast nirgendwo auf der Welt ist das Vermögen so ungerecht verteilt wie in Lateinamerika. Im Prinzip hat sich in dieser Hinsicht seit der Kolonialzeit nicht viel geändert. Schon vor mehr als 50 Jahren schrieb der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz: „Unser Unabhängigkeitskrieg war nicht nur Selbstverleugnung, er war Selbstbetrug. Der wahre Name unseres Liberalismus ist Autoritarismus. Unsere Modernität war eine Maskerade“.
Die Befreier waren in den seltensten Fällen Demokraten, sondern Großgrundbesitzer, Kleriker oder Patriarchen, die von der Herrschaft der Spanier genug hatten. So war zum Beispiel Simon Bolívar, der unter anderem Venezuela befreite, einer der reichsten Männer in Lateinamerika. Doch die weitere Entwicklung des Kontinents kann eine strahlende sein. So nennt der kolumbianische Autor William Ospina Lateinamerika das „Land der Zukunft“.
William Ospina begründet seinen Optimismus wie folgt: „Trotz der politischen Uneinigkeit gibt es eine gemeinsame Kultur, deren Stärke die Durchmischung hispanischer, indigener und afrikanischer Ursprünge ist. Dadurch ist der Kontinent besser gerüstet für die globalisierte Welt als andere.“ Der kulturelle Reichtum Lateinamerikas könnte seine Überlebensressource sein.