Die Tatoos in den Gesichtern der Maras zeigen an, zu welcher kriminellen Vereinigung ein Jugendlicher gehört. Doch die Tatoos bedeuten noch wesentlich mehr: Die Verachtung für die Familie und die Gesellschaft und eine Demonstration des Gefühls der Unantastbarkeit. Es ist das Wort „impunidad“ (Straffreiheit), das den Terror der Jungendgangs in Guatemala am besten beschreibt. Obwohl die Regierung sogar die Armee gegen die Maras eingesetzt hat, erhöhte sich die Zahl der Gewalttaten in dem lateinamerikanischen Land.
Die Maras sind allerdings nur ein Teil des Gewaltproblems in Guatemala. Sie sind nur die kleinen Dealer und Erpresser, die ihr Unwesen in der Öffentlichkeit auf der Straße treiben, die mächtigen Strippenzieher agieren dagegen verborgen im Hintergrund. Zu Macht und Einfluss kamen sie während der Militärdiktatur in den siebziger und achtziger Jahren. Victoria Sandford, Anthropologin an der City University beschäftigt sich schon lange mit der Einschränkung der Menschenrechte in Guatemala.
Die Forscherin sagt: „Die militärischen Strukturen, die in der Vergangenheit existierten, wurden niemals aufgebrochen, sondern in die Zivilregierung übernommen. Es gibt keinen Bereich, der nicht von ehemaligen Militärs kontrolliert wird.“ Der ehemalige General Efraín Rios Montt ist ein grausames Beispiel für die These von Victoria Sandford. Montt putschte sich 1982 an die Macht in Guatemala und übte 17 Monate lang eine Terrorherrschaft der Unterdrückung und Massaker aus.
Der Ex-Diktator sitzt heute als Abgeordneter im Parlament von Guatemala und verspottet seine Ankläger öffentlich im Fernsehen. Beim Bürgerkrieg in Guatemala kamen rund 200.000 Menschen ums Leben, inzwischen sind schon fast ebenso viele Menschen einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.
Victoria Sandford nennt die Gründe: „Dass heute so viel Gewalt in Guatemala existiert, liegt daran, dass die Menschenrechte schon in der Vergangenheit missachtet wurden. Die Täter, die für ethnische Säuberungen und Morde unter dem Militärregime verantwortlich waren, wurden nicht verurteilt.“ Solange die Justiz von der herrschenden Clique bei der Ausübung ihrer Arbeit behindert wird, ändert sich nichts am rechtsfreien Raum des ganzen Landes.