Die meisten jungen Staaten Lateinamerikas feiern in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Als erstes feierten die Haitianer, die schon 1804 ihre Freiheit erkämpften. Vor einem Jahr beglückwünschten sich die Bolivianer, dass sie vor 200 Jahren sich von der spanischen Herrschaft befreit hatten. Erst vor kurzem feierte Venezuela seinen 200. Befreiungstag. In diesem Monat jubelt Argentinien, im Herbst folgen Mexiko und Chile.

Diese Staaten erinnern darin, wie sich vor 200 Jahren ihre lokalen Eliten von der Krone Spaniens lossagten. Die formellen Unabhängigkeitserklärungen folgten meist etwas später wie im Fall Argentinien am 9. Juli 1816. In Venezuela feierten die heutigen Machthaber den Befreier Simón Bolívar mit einer Militärparade. Staatschef Hugo Chávez sagte: „Hier sind wir, die Töchter und Söhne Bolívars. 200 Jahre danach ist die Stunde gekommen, unsere wahre Unabhängigkeit zu verteidigen.“

Weil auch 200 Jahre, nach der Unabhängigkeit von Spanien, in vielen lateinamerikanischen Ländern der Wohlstand und die Freiheit noch immer ungerecht verteilt sind, stimmen nicht alle Menschen in den Jubelchor der Herrschenden ein. Der spanische Autor Arturo Pérez Reverte empfahl: „Den Bicentinarios sollte besser mit Trauermessen gedacht werden, weil in 200 Jahren viele Hoffnungen auf Freiheit, Fortschritt und Gerechtigkeit getötet wurden.“ In Wirklichkeit herrsche in Lateinamerika eine Oberschicht, die ihre Macht seit 200 Jahren nie abgegeben habe.

In Lateinamerika leben von 500 Millionen Menschen mindestens immer noch 200 Millionen in Armut. An den Rändern der Großstädte wie in Rio, Bogotá oder Caracas wuchern die Slums. Allerdings gibt es auf dem Kontinent auch Zeichen der Hoffnung. Die Zeit der linken Revolutionen und rechten Militärputsche scheint endgültig vorbei zu sein. Fast in allen Staaten hat sich die Demokratie als Regierungsform halbwegs durchgesetzt.

Außerdem hat Lateinamerika aus seinen Wirtschaftskrisen gelernt. Brasilien ist auf dem besten Weg zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufzusteigen. Viele lateinamerikanische Staaten kamen besser durch die Weltwirtschaftskrise als die USA und die Staaten Europas.