Das Wirtschaftstempo in Brasilien ist fast so hoch wie in China, doch wie der Konkurrent aus Asien hat auch das südamerikanische Land nach wie vor viele ungelöste strukturelle Probleme. In diesem Jahr wird für die Wirtschaft in Brasilien ein Wachstum von sieben Prozent vorhergesagt. Die Brasilianer sind so konsumfreudig, dass die Unternehmen Schwierigkeiten haben, die Nachfrage der wachsenden Mittelschicht zu befriedigen. Trotzdem machen sich einige Wirtschaftswissenschaftler Sorgen, dass das Wachstum kurzfristig heißlaufen und die Inflation steigen könnte.
Noch werden die ungelösten strukturellen Probleme in Brasilien vom rasanten Wirtschaftswachstum überdeckt. Doch ist die Infrastruktur des Landes weit hinter dem Wirtschaftstempo zurückgeblieben. Ein ganz großes Problem ist, dass durch die Abschottung der einheimischen Märkte vor ausländischer Konkurrenz, viele einheimische Unternehmen international nicht wettbewerbsfähig sind. Dennoch können sie von den Konsumenten in Brasilien überhöhte Preise verlangen.
Das enorme Wirtschaftswachstum in Brasilien verdankt das Land vor allem der Politik ihres charismatischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Auch die politische Bedeutung Brasiliens in der Welt wuchs unter seiner Führung. Dennoch gibt es Ökonomen, die davon überzeugt sind, dass Brasilien ganz wichtige Grundlagen fehlen, um auch in den folgenden Jahren eine so gigantische Wachstumsdynamik hinzulegen. Sie glauben, die Wirtschaft Brasiliens könne schon kurzfristig aus dem Gleichgewicht geraten.
Vor allem das Geschäft mit den einheimischen Konsumenten droht in Brasilien ganz schnell heißzulaufen. Die Inflationsrate lag im April schon bei 5,3 Prozent – das vorgegebene Ziel der Regierung von 4,5 Prozent wurde damit deutlich verfehlt. Die Notenbank Brasiliens hat wegen der Inflationsgefahr die Leitzinsen in den vergangen Monaten schon heraufgesetzt, weitere Erhöhungen werden folgen.
Vor allem die Defizite in der Infrastruktur werden dem größten Land in Südamerika in Zukunft zu schaffen machen. Viele Straßen in Brasilien sind marode, weil die Regierung in den vergangen Jahrzehnten nur 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in den Straßenbau investiert hat. Auch das Stromnetz ist völlig veraltet, wodurch es immer wieder zu peinlichen Stromausfällen kommt. Außerdem können viele Flughäfen den Ansturm der Reisenden nicht mehr bewältigen – Verspätungen sind deshalb die Regel und nicht die Ausnahme.