Das venezolanische Jugendorchester Símon-Bolívar, das von Gustavo Dudamel dirigiert wird, ist ein internationales Vorzeigeobjekt. Der Dirigent erzählt, dass im musikalischen Ausdruck des Orchesters, der ungestüme Geist Venezuelas klingen würde. Gerne berichtet Gustavo Dudamel auch von der Geschichte des Jugendorchesters. Es geht dabei um den Mythos der Sistemas, jener Musikschule, die Kinder in Venezuela die Chance gibt, ein Musikinstrument zu erlernen und sie im Jugendorchester Símon-Bolívar auf die Bühnen der Welt schickt.
In Venezuela gilt die Sistema längst als kulturpolitisches Vorbild. Die Politik möchte mit der Musikschule den Beweis antreten, dass die Musik die Menschen positiv verändern und sogar die Basis für eine gerechtere Gesellschaft sein kann. Selbst in Deutschland hat das Projekt Nachahmer gefunden wie zum Beispiel das Programm „Jedem Kind ein Instrument“ in Nordrhein-Westfalen belegt.
Doch die heile Welt des Jugendorchesters in Venezuela ist bedroht. Reiseanträge werden nur noch nach eingehender Prüfung und erst ganz kurz vor den Konzertreisen genehmigt. Immer wieder scheint auch die finanzielle Förderung des Jugendorchesters in Frage gestellt zu sein. Nachdem ein Film über die Musikschule mit dem Titel „Il Sistema“ gedreht worden war, der sich auch mit dem sozialen Umfeld der Musiker beschäftigte, verbot die Regierung weitere Dreharbeiten.
Wer das Jugendorchester Símon-Bolívar auf einer seiner Konzertreisen durch Europa besucht, kann die unterschwellige Angst der jungen Musiker spüren. Die Künstler weigern sich Aussagen über die sozialen Verhältnisse in Venezuela zu machen, da sie Repressionen in ihrer Heimat fürchten. Auf ihren Reisen ins Ausland dürfen die Mitglieder des Jugendorchesters nur ganz wenig Geld mitnehmen und ihre Kreditkarten nur zum Einkauf von Lebensmitteln verwenden.
Die Musikschule Sistema wurde 1999 gegründet. Berühmte Dirigenten wie Claudio Abbado und Sir Simon Rattle unterstützen die Musikschule bei ihrer Arbeit. Aufgenommen und produziert werden die Platten bei der Deutschen Grammophon. Im Gegensatz zur Erfolgsgeschichte des Jugendorchesters Símon-Bolívar geht es mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Venezuela ständig bergab. Pater Luciano Stefani, der bei den Don Bosco Werken arbeitet, sagt: „Das Klima im Land ist durchweg verdorben und voller Misstrauen.“